Bernd Skowron, Pastor der Lüneburger Kreuzkirche bzw. Pianokirche und Meditationsbeauftragter des Kirchenkreises, geht zum 1. Oktober in den Ruhestand.
Im Interview blickt er zurück - und nach vorn. Er berichtet u.a. über die weiteren Pläne der Kreuzkirche:
Seit 2009 sind Sie Vorsitzender des Kirchenvorstandes und Pastor an der Kreuzkirche. Sie gehen nun zum 1. Oktober in den Ruhestand. Wenn Sie zurückblicken: Was war das wichtigste Ereignis in dieser Zeit?
Es sind sehr viele Ereignisse: Beispielsweise die Gründung der Alltagshilfe Bockelsberg und Kita Kirchenmäuse, der bedarfsgerechte Umbau im Gebäude, Einführung von Kunstausstellungen, gesellschaftspolitischem Forum oder Filmnächten. Aber wenn ich mich entscheiden muss: Das Wichtigste war, dass der Kirchenvorstand und ich eine Vision entworfen haben für die Jahre 2010 bis 2020.
Kurzgefasst mit dem Wort SUMM. Wir haben damit inhaltliche Absichten bekundet, die Gemeinde zu leiten und zu entwickeln: S steht für sozial, U für undogmatisch, M für musikalisch modern, M für meditativ. SUMM war und ist eine offene Tür für Bewohner*innen am Bockelsberg, dass sie eine Kirche erleben, wie man sie sich wünscht. Es sind dann auch viele Leute neugierig geworden und haben sich beteiligt mit ihren Interessen und Gaben. So ist ein buntes Gemeindeleben mit vielen verschiedenen Angeboten entstanden. Wir haben 2017 die Vision um den Buchstaben "T" erweitert: SUMMT. "T" für theologisch auf Augenhöhe und tolerant. Diese Ausrichtung SUMMT hat alle Initiativen inhaltlich beeinflusst. Zum Beispiel das Soziale hat sich auf die Eintrittspreise für die Konzerte der Pianokirche ausgewirkt, das umfangreiche Ermäßigungen möglich sind. Oder das Theologische auf Augenhöhe hat uns veranlasst, ein neues Abendmahlsverständnis und eine zeitgemäße Abendmahlsfeier zu schaffen, die leicht zugänglich ist. In all den Jahren hat die Vision SUMMT Menschen begeistert und motiviert, sich mit ihren Ideen einzubringen. Damit wurde die Kreuzkirche so richtig lutherisch. Luther sagte ja, die Kirche muss sich immer wieder reformieren. Und sie wurde interreligiös. Wir haben einen Raum geöffnet für Menschen, die mit unterschiedlichen philosophischen oder religiösen Vorstellungen sich in der Kreuzkirche wohlfühlen.
Bekannt geworden ist die Kreuzkirche in Ihrer Amtszeit auch als Lüneburger Pianokirche.
Ja, das war zuerst verunsichernd. Sind wir nun noch Kreuzkirche oder heißen wir Pianokirche? Ein Leserbriefschreiber lästerte: Kauft doch noch einen zweiten Steinway-D-Flügel und nennt euch dann: Geflügelkirche. Das war natürlich ein dämlicher Neidkommentar, aber hatte auch was Witziges. Alle haben dann schnell bemerkt, dass der Begriff Pianokirche für das Musikprogramm in der Kreuzkirche steht. Es ist ein herrlicher Klangraum in der Kreuzkirche, sodass solch ein wunderbarer Steinwayflügel richtig schön erklingen kann. Giora Feidman sagte mal zu seiner Pianistin: Dieser Flügel hier in der Pianokirche klingt besser als der Flügel, den du bei unserer letzten CD Aufnahme gespielt hast. Sie bestätigte seinen Eindruck. Und ich persönlich finde, es gibt kein schöneres Piano-Klangerlebnis in Lüneburg und in der Umgebung als in der Pianokirche.
Aber war es nicht ein bisschen vermessen, dass eine kleine Stadtrandgemeinde eine Konzertlocation eröffnet?
Kann sein. Entsprechend verwehrte die Mehrheit des Musikausschusses des Kirchenkreises jedwede finanzielle Unterstützung. Und es war ja anfangs auch wirklich nicht einfach, genügend Konzertgäste anzuziehen. Aber es ging uns nicht darum, was nun genau realistisch ist und was nicht. Wir wollten der Vision folgen, uns musikalisch modern und meditativ aufzustellen. Und so gibt es nun sehr bewegende Konzerte, die zusätzlich auch unsere meditative Ausrichtung unterstützen. Am kommenden Ewigkeitssonntag, dem 23. November, um 17 Uhr findet ein meditatives Candlelight-Konzert statt, die sogenannte Steinway-Night mit Joachim Goerke am Flügel. Ich lese ein paar spirituelle Texte zum Thema: Das Leben ausschöpfen. Oder ich denke an die Meditativen Abende an jedem vierten Sonntag im Monat um 18 Uhr. Es spielen versierte Pianist*innen sehr schöne Musikstücke. Dazu gibt es dann spirituelle Lesungen aus Büchern, die den Sinn im Leben umschreiben. Da kommen jedesmal knapp 100 Leute, weil sie die Musik und das religiös offene Format wertschätzen. So was ist heute dran. So was brauchen und wünschen sich Bürger*innen.
Sie heben das Meditative hervor. Dafür steht ja auch die Kreuzkirche in der Öffentlichkeit.
Nicht nur die Kreuzkirche steht dafür, mittlerweile gibt es in Lüneburg und Reppenstedt fünf weitere christliche Meditationsgruppen. Aber der Ausgangspunkt dieser Entwicklung war, dass ich vom Kirchenkreisvorstand den Auftrag für Meditationsangebote bekam.
Ich leite schon seit 1997 meditative kirchliche Angebote. Meine Erfahrung ist: Nicht auf der Überholspur und nicht in action findest du dich. Ständig in action empfindest du dich mit der Zeit irgendwie leer und vielleicht sogar ausgebrannt. In aufgeschlossenen Beraterkreisen für die Ökonomie in unserem Land ist dies mittlerweile hinreichend bekannt. Zum Beispiel die Vordenkerin in Wirtschaftskreisen Anja Förster hat ein Buch veröffentlicht über die "7 Superkräfte". Die erste Superkraft des Lebens in ihrem Buch widmet sie der Meditation in ihrem Kapitel: "Superkraft 1: Stille statt bullshit". Und der Theologe Karl Rahner hat darauf verwiesen, dass Menschen persönliche Erfahrungen suchen, die ihnen in der Tiefe nur aus der Mystik hinreichend zuwachsen: Mystik meint die Stille und das Hören im Schweigen. Der bekannte Fernsehpfarrer des 20. Jahrhunderts Jörg Zink schrieb über die Stille und das innere Hören im Schweigen: Du wirst mehr Kraft haben zu klären, zu ordnen, zu trösten, zu heilen, zu lieben. Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Kraft aus dem Schweigen und der Stille brauchen, um ein selbstbestimmtes und auch für andere hingebungsvolles Leben zu führen. Wir können umdenken: Das Glück ist nicht im Außen, sondern wir tragen es in unserem Inneren und entdecken es persönlich im Lauschen nach innen. Im Übrigen hat hierauf auch schon der Psychologe Peter Lauster in den 70er und 80er Jahren mit seinen Buchveröffentlichungen hingewiesen. Jesus würde sagen: Wer Ohren hat zu hören, der höre.
Sie haben zusammen mit Ihrem Kirchenvorstand in der Kreuzkirche die meditativen Angebote erweitert. Das jüngste Beispiel ist die Veranstaltung an jedem ersten Freitag im Monat: Lüneburg meditiert.
Ja, wir bieten allen Interessierten an, einmal im Monat zusammenzukommen für Stille, spirituelle Impulse zum Lebenssinn, für Körperwahrnehmungen, die jeder jeden Alters mitmachen kann, für mantrisch einfache und bewegende Gesänge. Das gibt mit der Zeit die Kraft, von der Autor Zink spricht: ... zu klären, zu ordnen, zu trösten, zu heilen, zu lieben. Darüberhinaus senden wir ein friedliches Signal in unsere Gesellschaft hinein: Bei "Lüneburg meditiert" kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Aus dem Bereich Yoga oder Taichi bzw Qigong, auch aus buddhistischem oder hinduistischem Hintergund, aus Achtsamkeitsbewegungen wie MBSR von Jon Kabat-Zinn und aus unseren sechs christlichen Meditationsgruppen in Lüneburg/Reppenstedt. Die Stille eint uns trotz unterschiedlicher Lebensverständnisse. Damit setzen wir ein Signal für Frieden untereinander statt Hass und Spaltung, wie sie zurzeit von rechtsextremen Gruppierungen ausgehen. Meditation ist also nicht nur persönliche Werdung und persönliche Reifung mit Wohlgefühl, dass man entdeckt, was man selbst wirklich wirklich will und braucht. Sie ist auch friedenspolitisch ausgerichtet.
Sie gehen zwar in den Ruhestand, aber der Kirchenvorstand der Kreuzkirche hat weitreichende Pläne, um die bisherigen Angebote noch zu intensivieren. In Lüneburger Zeitungen, online im Themenraum der Hannoverschen Landeskirche und der Evangelischen Zeitung sowie Instagram erschienen Berichte über eine "Kirche der Stille", die die Kreuzkirche für den Nordostbereich Niedersachsens gründen möchte. Wie genau stellt sich die Kreuzkirche trotz Ihres Eintritts in den Ruhestand auf?
Zunächst einmal muss ich bedauern, dass aufgrund von Kirchenaustritten die Zahl der Gemeindeglieder gesunken ist und deshalb keine volle Pfarrstelle für das Gemeindepastorat mehr bewilligt werden kann. Mit der gesellschaftlichen Austrittsbewegung geht einher, dass sie uns auch vor Ort das Wasser abgräbt, obwohl wir eine Gemeindearbeit leisten, wie man sie sich wünscht. Umgekehrt: Jede Mitgliedschaft stützt unsere Arbeit.
Der Kirchenvorstand hat vor zwei Monaten eine Stelle fürs Gemeindepastorat ausgeschrieben im Umfang von 75 Prozent. Wir warten da auf Bewerbungen. Was Sie mit der "Kirche der Stille" ansprechen, ist Ergebnis der Entwicklung von meditativen Angeboten in den vergangenen 16 Jahren. Der Kirchenvorstand will diese Entwicklung noch ausbauen und erweitern für Menschen im Nordostbereich Niedersachsens. Es soll in der Kreuzkirche meditative Impulse geben, auf die auch Menschen aus Hitzacker, Munster oder Clenze zugehen können. Ideen stehen im Raum wie zum Beispiel ein spirituelles Café zu eröffnen oder Stillewanderungen in der Natur. Da ist aber nichts schon festgelegt. Der Kirchenvorstand hat bei der Landeskirche beantragt, dass ein/e Pastor/in aus Sondermitteln finanziert wird. Er oder sie möge mit einem Arbeitsumfang von 75 Prozent die meditativen Angbote ausbauen. Ich freue mich über diesen Entschluss.
Wie ich schon hervorgehoben habe, sind in unserer Gesellschaft und Wirtschaft Impulse entscheidend, die Menschen Gelegenheit geben, zu sich selbst zu kommen, ihre Spiritualität zu verwirklichen und zu erwachen zu dem, was sie wirklich wirklich wollen und womit sie anderen Gutes tun können.
Wie schwer fällt es Ihnen loszulassen nach solch einem aktiven Berufsleben?
Ich gehe mental vorbereitet in den Ruhestand. Ich lasse also wirklich los. Jetzt habe ich Raum für viele private Interessen. Sofern meine Gesundheit mitspielt. Das weiß man ja nicht. Aber ich möchte auch noch Gutes und etwas Neues tun, was in den Bereich Beratung/Seelsorge gehört. In Zusammenarbeit mit der Psychotherapeutin (TP) Anne Wellbrock biete ich Paarberatung im Bonhoeffer-Haus von Häcklingen an. Unser Konzept findet man auch im Internet, wenn man den folgenden Link eingibt: https://lueneburg-paarberatung.de
Termine sind auch kurzfristig möglich, weil wir ja erst beginnen und noch keine Warteliste führen. Auf diese neue Aufgabe freue ich mich. Jeder braucht ja im Ruhestand auch noch eine sinnvolle Tätigkeit, um etwas beizutragen, dass die Welt ein kleines bisschen besser sein kann.
Herzlichen Dank für den Dienst und Gottes Segen für die weitere Zeit!