„Alles neu?“ Journalist und Podcaster Daniel Kaiser war zu Gast beim evangelischen Kirchenkreis Lüneburg.
Was ist neu zu denken, was zu bewahren, wie mit Veränderungen umgehen – die Zukunft stand im Mittelpunkt des Jahresempfangs beim Kirchenkreis. Gastredner bei der öffentlichen Veranstaltung war Daniel Kaiser, u.a. Leiter der Kulturredaktion des NDR und einer der drei Hosts des Bücher-Podcasts „eat.READ.sleep“.
Der Leitende Superintendent Christian Stasch begrüßte die rund 180 Gäste in der St. Johanniskirche Lüneburg. Er lud zum fröhlichen gemeinsamen Singen des „protestantischen Sommerhit schlechthin: Geh aus mein Herz“ ein, begleitet vom Posaunenchor des Kirchenkreises unter der Leitung von Regina Ewe.
„Prüft alles und behaltet das Gute“
Superintendent Christian Cordes stellte in einem kurzen geistlichen Impuls fest, „der Streit wird immer hitziger im realen Leben und in sozialen Netzwerken. Manche Menschen an den Schalthebeln der Macht vermischen Wahrheit und Lüge. Ob bei kirchlichen, politischen oder verkehrstechnischen Entscheidungen: „Prüft alles“, das täte gut, oder?“ Denn oft müsse es ja heutzutage sehr schnell gehen – „sei es bei Reformen oder wenn wir mit Menschen in Streit gehen. Prüfen aber verlangsamt. Zuhören, nachdenken und dann handeln oder reden, das täte gut“, so Christian Cordes. Zu Veränderungen gehöre auch Abschied nehmen, sagte er unter anderem mit Blick auf kirchliche Veränderung und die Tendenz sinkender Mitgliederzahlen. „Für manch einzelnen ändert sich wenig, für die Kirchen stellt sich die Frage, wie gehen wir mit dem Erbe um und dem Beitrag zur Kultur in unserem Land? Neue Wege müssen wir finden, am besten gemeinsam.“
Die Würze in der Literatur, in den großen Geschichten, seien die Freunde und Wegbegleiter. Aber auch der Umgang mit Fehlern und Irrtümern spiele eine wichtige Rolle.
Neue Wege müssen wir finden, am besten gemeinsam.
Anschließend stellte Christian Stasch den Literaturexperten und geborenen Lübecker Daniel Kaiser vor. Ein Frage-Antwort-Spiel gab noch mal einen persönlicheren Einblick zu dem Journalisten: Altbau oder Neubau? Weihnachten oder Ostern? Popcorn süß oder salzig? Bach oder Beatles?
Trügerische Nostalgie
In einer kurzweiligen Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Stimmung schilderte Daniel Kaiser seinen Eindruck, dass der Spruch „Alles soll so bleiben, wie es ist“ die gegenwärtige Tendenz sei. „Gegenwart ist doch super. Das ist ein sympathisches Gefühl. Es wird gerade verstärkt: Postkartenansichten aus den 70er Jahren werden in das Facebook-Postfach gespielt. Dazu das Schlechtreden der Gegenwart in den Kommentaren.“ Er verwies auf den Buchtitel von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“
„Social Media: Geht nicht wieder weg. Globalisierung: Geht nicht wieder weg. Die entscheidende Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wir müssen uns bewegen, nicht wie ein Reh im Lichtkegel eines Scheinwerfers stehen bleiben“, findet Daniel Kaiser.
Auch neue digitale Möglichkeiten und die anfängliche Gemeinschaftsstimmung, die in der Coronazeit geschaffen wurden – Kaiser sprach vom „Corona wakeup call“ – seien nicht mehr da, sondern vielfach wieder verklungen.
„Und die Kirchen?“, fragte Superintendent Christian Stasch: „Als Kirche sind wir kein Startup, sondern werden von außen eher mit Traditionen assoziiert“. Daniel Kaiser entgegnete, Kirche stünde für Sesshaftigkeit und Solidarität, sie habe es auch schwer gegen das Klischee anzukämpfen. Aber in der Bibel gäbe es viel mehr Geschichten des Umzugs und Aufbruchs: Abraham, Mose und das Volk Israel, Jesus und Paulus seien immer unterwegs gewesen. Aus diesen Geschichten werde klar, dass es für Transformationen oft zwei Generationen lang brauche. Er stellt auch fest: „Die Angst vor Substanzverlust ist bei Kirche da, aber ich sehe das nicht. Man muss auch mal was wagen, die Themen der Menschen aufspüren. Wo könnte es ein Programm geben, eine Sprache, eine Plattform, um mal ein Experiment zu machen?“
Ich glaube, die Zukunft ist kein schlechter Ort.
Der Zukunft mit Zuversicht begegnen
Humorvoll warb Daniel Kaiser für einen positiven Blick auf Veränderungen, allgemein und auch persönlich: Trotz anfänglicher Eingewöhnungsschwierigkeiten nach dem Umzug seines Büros nach Lokstedt konnte er dem Ganzen auch wieder Gutes abgewinnen: „Elephanten-Dung kann auch sexy riechen“, sagte er mit Referenz an den nahegelegenen Zoo. Für ihn steht fest: "Hauptsache es bleibt nicht alles wie es ist."
Ein Blick in die Vergangenheit zeige auch viele Dinge, die geklappt hätten, so der NDR-Journalist. „Wir haben einen Grund für Zuversicht. Ich glaube, die Zukunft ist kein schlechter Ort.“
Nach dem unterhaltsamen Austausch überraschte Daniel Kaiser die Gäste mit einem Querflötenspiel gemeinsam mit Kirchenmusikdirektor Dr. Ulf Wellner am Klavier und blieb auch noch beim anschließenden Fest bei Popcorn und Getränken im Freien.
Weitere Impression gibt es auf dem Instagram Kanal des Kirchenkreises:
Daniel Kaiser (52) ist Leiter der Kulturredaktion des NDR Landesfunkhauses Hamburg. Er moderiert das Kulturjournal bei NDR 90,3 und ist Host der Podcasts „eat.READ.sleep“ und „Feel Hamburg“. In seiner Freizeit predigt er mehrmals im Monat in verschiedenen norddeutschen evangelischen Kirchengemeinden.