Bekenntnis zu Grundwerten der Demokratie – Sorge um politische Kultur:
Anlässlich des Tages des Grundgesetzes am Samstag, 23. Mai ruft Marianne Gorka, Regionalbischöfin im Sprengel Lüneburg der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers dazu auf, sich aktiv für Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen. Gorka unterstützt damit die gemeinsame Initiative der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen sowie den Aufruf von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, den Geburtstag des Grundgesetzes bewusst als Tag demokratischer Verantwortung zu begehen.
„Unsere Demokratie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen, sich für das Gemeinwohl einsetzen und widersprechen, wenn andere herabgewürdigt werden“, sagt Marianne Gorka. „Insbesondere in Zeiten, in denen populistische Parolen, Verachtung und Ausgrenzung lauter werden, braucht es Menschen, die für die Würde aller eintreten.“
Das christliche Menschenbild kennt keine Menschen erster oder zweiter Klasse.
Erinnerung verpflichtet
Zugleich erinnert die Theologin an die besondere historische Verantwortung der Region: „Der Sprengel Lüneburg trägt eine besondere Verantwortung, weil auf seinem Gebiet Orte nationalsozialistischer Verbrechen liegen, darunter Bergen-Belsen, die NS-Euthanasie-Verbrechen in Lüneburg oder die als sogenannte ‚Hasenjagd‘ in Celle bekannt gewordene Hetzjagd auf KZ-Häftlinge. Diese Orte mahnen uns bis heute, wohin Menschenverachtung, Rassismus und die Entwertung menschlichen Lebens führen können.“
In Bergen-Belsen, nahe Celle, starben während der Zeit des Nationalsozialismus zehntausende Menschen an Hunger, Krankheit, Gewalt und den Folgen der Haft. Das Konzentrationslager wurde zu einem Symbol für das Grauen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Auch die Verbrechen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg (heute Psychiatrische Klinik) gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Regionalgeschichte: Psychisch kranke und behinderte Menschen wurden entrechtet, zwangssterilisiert und ermordet. Bei der Hetzjagd in Celle wurden im April 1945 geflohene KZ-Häftlinge von Angehörigen der SS, der Wehrmacht, der Polizei und des Volkssturms verfolgt und getötet.
„Wer diese Geschichte kennt, kann nicht gleichgültig bleiben, wenn heute wieder Menschen abgewertet oder gegeneinander aufgehetzt werden“, so Gorka weiter. „Das christliche Menschenbild kennt keine Menschen erster oder zweiter Klasse. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes.“
Klare Haltung – ohne Menschen aufzugeben
Mit Blick auf die AfD äußert sich die Regionalbischöfin deutlich: „Für mich ist eine Partei nicht wählbar, wenn führende Vertreter demokratische Grundwerte infrage stellen, rechtsextreme Positionen vertreten oder Menschen gegeneinander ausspielen. Christlicher Glaube widerspricht jeder Form von Menschenverachtung.“
Zugleich warnt Gorka davor, Menschen vorschnell abzuschreiben oder pauschal zu verurteilen: „Ich wünsche mir, dass wir Menschen nicht vorschnell verurteilen oder auf ihre Wahlentscheidung reduzieren. Viele erleben Verunsicherung, Enttäuschung oder haben das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht mehr gehört zu werden. Gerade deshalb braucht es Orte des Gesprächs, gegenseitiges Zuhören und die Bereitschaft, einander mit Respekt zu begegnen.“ Klar sei aber auch: Die Grenze zur Menschenfeindlichkeit dürfe niemals relativiert werden.
Kirche habe die Aufgabe, Räume für Begegnung und Verständigung offen zu halten. „Demokratie lebt vom Streit der Meinungen – aber sie lebt auch von Respekt, Wahrheit und der Anerkennung der Würde des anderen“, sagt Gorka.
Gesellschaftliche Spannungen ernstnehmen
Die Regionalbischöfin wirbt zugleich dafür, gesellschaftliche Spannungen ernst zu nehmen, ohne Menschen gegeneinander auszuspielen. Viele Menschen würden Verunsicherung erleben, die sowohl wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Art seien. Demokratische Parteien müssten darauf Antworten geben, die nicht auf Ausgrenzung beruhen, sondern auf sozialer Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und Respekt.
„Demokratie fußt auch darauf, dass Menschen das Gefühl haben: Dieser Staat steht für mich ein. Er schützt mich. Er sorgt für Gerechtigkeit. Wenn Menschen dieses Vertrauen verlieren, wachsen Angst und Wut und werden Menschen umso empfänglicher für allzu einfache Antworten und trügerische Lösungsversprechen“, so Gorka weiter. „Als Kirche treten wir für Frieden, Nächstenliebe und eine Gesellschaft ein, in der Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum verstanden wird.“
Der Sprengel Lüneburg beteiligt sich damit an der landesweiten Kampagne „Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt. Wir stehen dazu!“, die von den evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen getragen wird. Die Kampagne knüpft an die ökumenische Demokratie-Initiative zur Bundestagswahl 2025 an und setzt auch im Vorfeld der kommenden Kommunalwahlen ein Zeichen gegen Demokratiefeindlichkeit und gesellschaftliche Spaltung.
Informationen zur Kampagne:
„Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt. Wir stehen dazu!“
Hintergrund:
Die Pressemitteilung des Sprengels Lüneburg nimmt Bezug auf die gemeinsame Erklärung „Menschenwürde – Nächstenliebe – Zusammenhalt. Wir stehen dazu!“ der leitenden Geistlichen der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen zum Tag des Grundgesetzes am 23. Mai 2026. Darin bekennen sich die Kirchen ausdrücklich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und warnen zugleich vor einer zunehmenden Verrohung der politischen Kultur, vor Ausgrenzung und demokratiefeindlichen Tendenzen.
Die Erklärung betont, dass Demokratie von Beteiligung, Kompromissfähigkeit und dem Schutz der Menschenwürde lebt. Zugleich äußern die Kirchen ihre Sorge darüber, dass autoritäre und rechtsextreme Positionen gesellschaftlich an Einfluss gewinnen. Führende Vertreterinnen und Vertreter der AfD würden demokratische Grundwerte infrage stellen und sich verfassungsfeindlich äußern. Deshalb kommen die leitenden Geistlichen zu der Einschätzung, dass die AfD für Christinnen und Christen nicht wählbar sei.
Gleichzeitig werben die Kirchen für Dialog, gesellschaftlichen Zusammenhalt und einen respektvollen Umgang auch mit Menschen, die andere politische Überzeugungen vertreten. Grundlage dafür sei das christliche Menschenbild und das biblische Gebot der Nächstenliebe. Unterzeichnet wurde die Erklärung unter anderem von Landesbischof Ralf Meister, Bischof Thomas Adomeit, Landesbischöfin Dr. Christina-Maria Bammel sowie den Kirchenpräsidenten Dr. Bernd Kuschnerus und Dr. Susanne Bei der Wieden.
Quelle: Sprengel Lüneburg
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Über den Sprengel Lüneburg:
Zum Sprengel (Kirchenbezirk) Lüneburg gehören zehn Kirchenkreise. In den 220 Kirchengemeinden mit rund 470.000 Gemeindegliedern sind 350 Pastorinnen und Pastoren tätig.
Die geistliche Leitung und den bischöflichen Dienst im Sprengel nimmt seit Februar 2024 Regionalbischöfin Marianne Gorka wahr. Sie vertritt den Sprengel in der Öffentlichkeit und ist über den Bischofsrat beteiligt an der gesamtkirchlichen Leitung der Landeskirche Hannovers. Regelmäßige Predigtstätte der Regionalbischöfin ist die Lüneburger St.-Johannis-Kirche.