Gegen Rechtsextremismus

Ein „Mut-Ort“ für Demokratie: Kirche und Zivilgesellschaft beraten in Hitzacker über Rechtsextremismus und Polarisierung

Nachricht Lüneburg/Hitzacker, 02. Oktober 2026

Rund 200 Menschen aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft nahmen an der Veranstaltung  „Haltung zeigen. Bündnisse stärken. Kirche in Zeiten von Rechtsextremismus und politischer Polarisierung“ am 26. September 2026 im VERDO Kultur- und Tagungszentrum in Hitzacker (Elbe). teil. Im Mittelpunkt standen der Umgang mit Rechtsextremismus und politischer Polarisierung, die Bedeutung von Menschenwürde und Demokratie, rechtliche Fragen des kirchlichen Handelns sowie die Zusammenarbeit in demokratischen Bündnissen. Insgesamt waren 14 Bündnisse und Initiativen beteiligt.Regionalbischöfin Marianne Gorka hatte im Vorfeld des Fachtags betont: „Wir müssen uns miteinander vernetzen, voneinander lernen und den Mut finden, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.“

Warum Kirche gegen Menschenfeindlichkeit Haltung zeigt
Pröpstin Anna Kempe aus dem Kirchenkreis Lüchow-Dannenberg formulierte einen zentralen Gedanken des Fachtags: „Kein Mensch ist weniger wert als ein anderer.“ Kirche betreibe keine Parteipolitik, sagte Kempe. Eine politische Neutralität könne jedoch nicht bedeuten, dass Kirche schweigt, wenn Menschen abgewertet und ausgegrenzt oder demokratische Grundwerte angegriffen werden. Der Einsatz für die Menschenwürde folge für Kempe unmittelbar aus dem christlichen Menschenbild: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes.
Haltung zu zeigen, bedeutet nach Kempes Verständnis nicht, jedes Gespräch abzubrechen. Es bedeutet, hinzuschauen, zuzuhören, schwierige Gespräche auszuhalten und dort zu widersprechen, wo Menschenwürde verletzt wird. Dabei sei zwischen Verständnis und Zustimmung zu unterscheiden: „Mein Verständnis ist nicht zwangsläufig Einverständnis.“

Welche Möglichkeiten hat die Kirche im Umgang mit der AfD?
Mit den verfassungs- und kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen beschäftigte sich Prof. Dr. Christoph Goos, Leiter der Rechtsabteilung und Juristischer Vizepräsident des Landeskirchenamtes Hannover. Goos ordnete Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als zentrale Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ein. Kirche dürfe sich am politischen Diskurs beteiligen. Seine Formel dafür lautete: „Keine Pflicht zur Neutralität, Recht zur Positionalität!“
Grenzen kirchlicher Äußerungen seien insbesondere das Gebot der Sachlichkeit, das Verbot der Schmähung und die Persönlichkeitsrechte Betroffener. Auch die Debatte um ein mögliches AfD-Verbotsverfahren thematisierte Goos. Er vertrat die Position, dass die verfassungsrechtliche Prüfung dem Bundesverfassungsgericht übertragen werden sollte. Ob die Voraussetzungen für ein Parteiverbot tatsächlich vorliegen, habe allein das Gericht zu entscheiden.

Was gilt für ein mögliches AfD-Verbotsverfahren?
Auch die Frage eines möglichen Verbotsverfahrens gegen die Alternative für Deutschland (AfD) wurde beim Fachtag diskutiert. Goos erklärte, nach seiner persönlichen juristischen Einschätzung seien die Voraussetzungen für ein solches Verfahren erfüllt. Ob ein Parteiverbot rechtlich tatsächlich ausgesprochen werden kann, entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht.

Was gilt für kirchliche Mitarbeitende und Ehrenamtliche mit AfD-Aktivitäten?
Eine weitere Frage betraf Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche, die zugleich politisch für die AfD aktiv sind. Goos warnte vor pauschalen Antworten. Für Pfarrpersonen, Mitglieder von Kirchenvorständen und kirchliche Arbeitnehmende gelten unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen. Insbesondere im Arbeitsrecht sei deshalb eine sorgfältige Prüfung des jeweiligen Einzelfalls erforderlich.
Für Kirchenvorstände bestehen beispielsweise Ausschlussgründe, wenn öffentlich Auffassungen vertreten werden, die dem Auftrag der Kirche oder den Grundsätzen ihrer Ordnung widersprechen. Menschenfeindliche, rassistische oder antisemitische Äußerungen werden dabei ausdrücklich als unvereinbar mit christlichen Werten benannt.
Die bloße Mitgliedschaft in einer rechtlich erlaubten politischen Partei reicht nach den derzeitigen Bestimmungen allein nicht aus. Die Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers hatte im Juni 2026 beschlossen, prüfen zu lassen, wie die entsprechenden Regelungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen weiterentwickelt werden können.

Podiumsdiskussion mit Fachleuten zum Thema "Gemeinsam gegen politische Polarisierung"

Wann sollte Kirche das Gespräch suchen – und wann widersprechen?
Eine zentrale Frage des Fachtags lautete: Wie lassen sich Gesprächsbereitschaft und klare Grenzen miteinander verbinden? Auf der Podiumsdiskussion berichteten zivilgesellschaftliche Akteur aus ihrer praktischen Arbeit gegen Rechtsextremismus. Eine allgemeingültige Antwort gebe es nicht. Gespräche können sinnvoll sein, wenn Menschen für Argumente erreichbar sind. Bei gefestigten menschenfeindlichen Positionen müsse dagegen deutlich widersprochen werden.
Argumentations- und Haltungstrainings können dabei helfen, in schwierigen Situationen sprach- und handlungsfähig zu bleiben.

Wie zeigt sich politische Polarisierung in Kirchengemeinden?
Superintendent Christian Cordes berichtete aus dem Kirchenkreis Lüneburg, wie politische Polarisierung unter anderem in Bleckede, Dahlenburg und im Amt Neuhaus erlebt wird. Mit Blick auf Demonstrationen und AfD-Veranstaltungen in Bleckede stellte Cordes die Frage, wie Menschen nach politischen Auseinandersetzungen weiterhin als Nachbar miteinander leben können. Das christliche Gebot der Feindesliebe bedeute nicht, rechtsextreme Positionen hinzunehmen. Es fordere vielmehr dazu auf, solchen Positionen entschieden zu widersprechen, ohne dem Gegenüber die menschliche Würde abzusprechen. Für Cordes gehören kontroverse Debatten und die Bereitschaft zum Kompromiss zu einer demokratischen Gesellschaft.
Christian Stasch, leitender Superintendent im Kirchenkreis Lüneburg warnte zugleich davor, christlich-konservative Positionen pauschal mit Rechtspopulismus gleichzusetzen. Politische Verschiedenheit müsse in der Kirche Platz haben. Problematisch werde es, wenn rechtspopulistische Akteure christliche Begriffe und Symbole für politische Ziele vereinnahmen.
Stasch verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Gruppe „Christen in der AfD“ und auf Äußerungen, in denen Gott ausdrücklich auf die Seite einer Partei gestellt wird. Solche politischen Vereinnahmungen müsse Kirche aufmerksam prüfen und ihnen widersprechen.

Wie werden demokratische Symbole von der extremen Rechten umgedeutet?
Die Journalistin Ruth Hoffmann beschäftigte sich mit einer weiteren Form politischer Vereinnahmung: der Umdeutung demokratischer Symbole und historischer Traditionen durch die AfD und die Neue Rechte. Hoffmann hat diese Strategie in ihrem Buch „Raubzug von rechts. Familie, Freiheit, Widerstand: Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht“ untersucht. Als Beispiel nannte sie die Farben Schwarz-Rot-Gold, die mit der Demokratiebewegung von 1848, der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland verbunden sind, heute aber auch bei rechten Aufmärschen verwendet werden.
Besonders problematisch sei aus Hoffmanns Sicht die Berufung rechter Akteure auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie verwies auf Bezüge zu Dietrich Bonhoeffer, der Bekennenden Kirche und Sophie Scholl sowie auf die Präsenz der AfD bei Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli 1944. Eine demokratische Erinnerungskultur müsse sich mit solchen Umdeutungen auseinandersetzen

Dran bleiben und Mut-Orte schaffen

Warum demokratische Bündnisse vor Ort wichtig sind
Der Fachtag zeigte auch konkrete Beispiele dafür, wie Menschen gemeinsam für Demokratie und Menschenwürde eintreten können.
Superintendent Christian Cordes stellte das Bündnis „Bleckede blüht bunt“ vor. Darin engagieren sich Menschen aus Zivilgesellschaft, Vereinen, Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Auch die Kirchengemeinden in Bleckede beteiligen sich.
Im Landkreis Lüchow-Dannenberg arbeitet eine Gruppe daran, ein breites Demokratiebündnis aufzubauen. Nach den Worten von Anna Kempe soll das Bündnis Kirchen, demokratische Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen und Einzelpersonen zusammenbringen. Gemeinsame Grundlage sollen Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und ein respektvolles Miteinander sein.

Was kann Kirche gegen politische Polarisierung tun?
Theologe Karl-Georg Ohse, Leiter des Projekts „Kirche stärkt Demokratie“ in Mecklenburg-Vorpommern ermutigte die Kirche, angesichts zunehmender Polarisierung Ruhe zu bewahren und gleichzeitig genau hinzusehen: Was geschieht im eigenen Umfeld? Welche Entwicklungen gibt es in Gemeinden? Und welche Themen beschäftigen die Menschen vor Ort? Seelsorge und eine stärkere Orientierung am konkreten Lebensumfeld könnten dazu beitragen, dass Kirche ansprechbar bleibt. Hoffnung gebe ihm, dass Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche darüber ins Gespräch kommen, wie eine Gesellschaft solidarischer, gerechter und demokratischer gestaltet werden kann.
Auch praktische Übungen gehörten zum Fachtag. Im Argumentationstraining mit Joel Campe von der Kurve Wustrow e.V. erhielten die Teilnehmenden konkrete Anregungen für den Umgang mit schwierigen Gesprächen und menschenfeindlichen Aussagen.

„Aufgeben ist keine Option“
Der Fachtag „Haltung zeigen – Bündnisse stärken“ machte deutlich: Eine klare Haltung zur Menschenwürde muss Gespräch und Verständigung nicht ausschließen. Zugleich braucht Verständigung dort Grenzen, wo Menschen abgewertet, ausgegrenzt oder demokratische Grundprinzipien angegriffen werden.
Eine Teilnehmerin bezeichnete den Fachtag als „Mut-Ort“. Der Begriff fasst einen zentralen Gedanken der Veranstaltung zusammen: Menschen, die sich vor Ort für Demokratie und Menschenwürde einsetzen, müssen diese Verantwortung nicht allein tragen. Vernetzung, gegenseitiges Lernen und demokratische Bündnisse können Unterstützung und Handlungsmöglichkeiten schaffen.

(Quelle: Sprengel Lüneburg)

Prof. Dr. Christoph Goos, Leiter der Rechtsabteilung, Juristischer Vizepräsident des Landeskirchenamtes in Hannover. Foto: Hueske

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Kirchlicher Chefjurist bekräftigt Forderung nach AfD-Verbotsverfahren - Fachtag soll Bündnisse gegen Rechtsextremismus stärken

Der Leiter der Rechtsabteilung der evangelischen Landeskirche Hannovers, Christoph Goos, hat seine Forderung nach einem AfD-Verbotsverfahren bekräftigt. Ein Podium diskutierte den Umgang mit Rechtsextremen im Alltag.

https://www.landeskirche-hannovers.de/presse

Worum ging es beim Fachtag?

Die Tagung lud Haupt- und Ehrenamtliche aus Kirche, Engagierte aus Zivilgesellschaft und Politik sowie weitere Interessierte ein, die in ihrem Alltag mit rechtsextremen, demokratiefeindlichen oder menschenfeindlichen Haltungen konfrontiert sind.

Miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen teilen und praktische Orientierung gewinnen: für den Umgang mit Spannungen in Gemeinden und Gremien, für klare Grenzen gegenüber rechtsextremen Positionen und für tragfähige Bündnisse vor Ort.

Rechtsextremismus und politische Polarisierung sind längst keine abstrakten Themen mehr. Sie zeigen sich dort, wo Menschen miteinander arbeiten, feiern, diskutieren und Verantwortung übernehmen: in Kirchengemeinden, Vereinen, Kommunen, Schulen, Nachbarschaften und Initiativen.

Was tun, wenn in einem kirchlichen Gremium AfD-Positionen vertreten werden? Wie reagieren, wenn in einem Dorf völkische Siedler:innen zunehmend präsent sind? Wie lässt sich eine klare Haltung für Menschenwürde, Zusammenhalt und Nächstenliebe zeigen, ohne Konflikte vorschnell abzubrechen oder aus Angst vor Spannungen zu schweigen? Wie lassen sich Menschenwürde, Zusammenhalt und Nächstenliebe überzeugend vertreten, ohne den Dialog vorschnell aufzugeben?

Diesen Fragen widmete sich die Fachtagung der Kirchenkreise Lüneburg, Uelzen, Lüchow-Dannenberg und des Sprengels Lüneburg „Haltung zeigen. Bündnisse stärken. Kirche in Zeiten von Rechtsextremismus und politischer Polarisierung“, im VERDO Kultur- und Tagungszentrum in Hitzacker.