Ev.-luth. Kirchenkreis Lüneburg

Jahresempfang Kirchenkreis Lüneburg

Neu denken, neu sehen – Sommerempfang des Kirchenkreises Lüneburg zur Zukunft der Kirchgebäude

Baukultur-Experte Reiner Nagel gibt Impulse zu Erhalt und Umnutzung

Was kann mit einer Kirche geschehen, wenn sie zu groß wird für die Gemeinde? Welche Möglichkeiten der Umnutzung oder gemeinsamer Nutzung gibt es? Und vor allem: wie können Kirchgebäude weiterhin gute Orte für die Menschen sein? Um Impulse, Austausch und Ideen von Menschen aus Kirche, Politik und Gesellschaft ging es beim Sommerempfang des evangelischen Kirchenkreises Lüneburg im August (21.8.26) in der St. Johanniskirche. 
Superintendent Christian Cordes sprach in einer kurzen Andacht über das Loslassen von Plänen. Neues entstünde zum Beispiel durch Menschen, die man nicht erwartet habe und auch durch Wege, die man sich nicht selbst ausgesucht habe. Er fragte: „Was sind die Dinge, an denen wir festhalten, weil sie uns vertraut sind? Was sind unsere Hindernisse und wer sind die Menschen, die Wege kennen, die wir selbst nicht sehen?“

Goldene Energie
Reiner Nagel, Architekt und Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, berührte die Bereiche Ökologie, ökonomische Machbarkeit und regulatorische Hürden beim Thema Umbau und betonte vor allem den ideellen und immateriellen Wert eines Gebäudes. „Kirchen sind Trägerinnen von Baukultur und Ingenieurskunst“, machte er deutlich. Das sei Teil der goldenen Energie – ein Begriff, den die Bundesstiftung Baukultur im Baukulturbericht 2022/23 ("Neue Umbaukultur") geprägt hat.
Die goldene Energie – also die Geschichte, die Identität und die kulturelle, soziale, atmosphärische und emotionale Erfahrung im Gebäude – zusammen mit der grauen Energie – dem materiellen und ökologischen Wert –  gelte es zu bedenken bei Erörterungen um Erhalt, Umbau, Abriss und Neubau von Gebäuden.

„Menschen prägen Räume und Räume und prägen Menschen“ 
Der Satz, der auch auf den Taschen der Bundestiftung gedruckt steht, macht deutlich, dass Gebäude und Räume sich auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken. Kirchengebäude trügen Identität und Charakter, zeugten von handwerklicher Kompetenz, ermöglichen Begegnung im öffentlichen Raum, so Reiner Nagel. Er verwies auf ein Zitat von Landesbischof Ralf Meister: „…Kirchen sind Naherholungsgebiete für die Seele“.
Reiner Nagel zeigte Beispiele von umgestalteten Kirchen, z.B. zum Kunstraum, zur Stadtbibliothek oder Turnhalle, zum Coworking-Space, zu Wohnraum.
Bei einer Bevölkerungsbefragung zur Akzeptanz einer möglichen Kirchenumnutzung hielten nur 18 % eine Gewerbefläche/Geschäfte für angemessen und akzeptabel. Ein Großteil war für Konzerte/Lesung (95%), Ausstellungräume (90%), Bibliothek (89%) oder Betreuungseinrichtung für Senioren (77%).

Neu denken, neu sehen: neue Nutzungsmöglichkeiten
Trotz allem, sagte  Superintendent Christian Stasch, blieben die sinkenden Mitgliederzahlen sowie die Kosten für die 44 Sakralgebäude im Kirchenkreis Lüneburg eine Herausforderung. „Wie könnte man weiter vorgehen und was sollte man bedenken?“ fragte er den Architekten im Gespräch. "Ich würde erstmal alle anderen Nutzungen ausprobieren", antwortete Reiner Nagel, also Kirchen hybrid nutzen, eine kirchennahe Nutzung oder Veränderungen reversibel gestalten. „Eine Umnutzung nur wenn es nicht anders geht“.
„Ich danke Ihnen allen für Ihr Interesse, für Ihr Mitdenken über unsere Kirchen und über Kirchennutzung“, sagte Christian Stasch abschließend zu den knapp 200 Gästen. 
Ideen und Gedanken wurden bei Musik, Getränken, Popcorn und Laugengebäck auf dem Schulhof nebenan weiter ausgetauscht.

Der Posaunenchor des Kirchenkreises Lüneburg unter der Leitung von Regina Ewe und Ulrike Schmeling an der Orgel begleiteten musikalisch.
Musik spielte Yoko Salewski am E-Piano. Die Ev. Jugend im Kirchenkreis Lüneburg hat die Bühne und Ehrenamtliche bereitgestellt, das Küsterteam St. Johannis und Mitwirkende des Kirchenkreises die Veranstaltung an dem Tag durchgeführt. Herzlichen Dank allen Beteiligten!

Reiner Nagel
Vorstandsvorsitzender Bundesstiftung Baukultur
Architekt und Stadtplaner BDA, DASL

Reiner Nagel ist Architekt und Stadtplaner und seit 1. Mai 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Zuvor war er Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin für die Bereiche Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung. Reiner Nagel hat in verschiedenen Funktionen auf Bezirks- und Senatsebene für die Stadt Hamburg gearbeitet, darunter in der Geschäftsleitung der HafenCity Hamburg GmbH. Er ist Lehrbeauftragter an der TU Berlin im Bereich Urban Design und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, außerordentliches Mitglied des Bundes Deutscher Architekten und Ehrenmitglied in der Brandenburgischen Ingenieurkammer. Reiner Nagel ist Mitglied des Beirates Innenstadt und Mitglied im Expertenbeirat des BMWSB. 2020 wurde er als Mitglied in die Freie Akademie der Künste Hamburg, Sektion Baukunst berufen. Seit 2022 ist er auch Vorstandsvorsitzender der Hamburger Stiftung Baukultur.

Rückblick 2025: Der Zukunft mit Zuversicht begegnen - Daniel Kaiser beim Sommerempfang

Sommerempfang im evangelischen Kirchenkreis Lüneburg, (v.l.) Ltd. Superintendent Christian Stasch und Daniel Kaiser. Foto: Hueske

„Alles neu?“ Journalist und Podcaster Daniel Kaiser war zu Gast beim evangelischen Kirchenkreis Lüneburg.
Was ist neu zu denken, was zu bewahren, wie mit Veränderungen umgehen – die Zukunft stand im Mittelpunkt des Jahresempfangs beim Kirchenkreis. Gastredner bei der öffentlichen Veranstaltung war Daniel Kaiser, u.a. Leiter der Kulturredaktion des NDR und einer der drei Hosts des Bücher-Podcasts „eat.READ.sleep“.
Der Leitende Superintendent Christian Stasch begrüßte die rund 180 Gäste in der St. Johanniskirche Lüneburg. Er lud zum fröhlichen gemeinsamen Singen des „protestantischen Sommerhit schlechthin: Geh aus mein Herz“ ein, begleitet vom Posaunenchor des Kirchenkreises unter der Leitung von Regina Ewe.

„Prüft alles und behaltet das Gute“
Superintendent Christian Cordes stellte in einem kurzen geistlichen Impuls fest, „der Streit wird immer hitziger im realen Leben und in sozialen Netzwerken. Manche Menschen an den Schalthebeln der Macht vermischen Wahrheit und Lüge. Ob bei kirchlichen, politischen oder verkehrstechnischen Entscheidungen: „Prüft alles“, das täte gut, oder?“ Denn oft müsse es ja heutzutage sehr schnell gehen – „sei es bei Reformen oder wenn wir mit Menschen in Streit gehen. Prüfen aber verlangsamt. Zuhören, nachdenken und dann handeln oder reden, das täte gut“, so Christian Cordes. Zu Veränderungen gehöre auch Abschied nehmen, sagte er unter anderem mit Blick auf kirchliche Veränderung und die Tendenz sinkender Mitgliederzahlen. „Für manch einzelnen ändert sich wenig, für die Kirchen stellt sich die Frage, wie gehen wir mit dem Erbe um und dem Beitrag zur Kultur in unserem Land? Neue Wege müssen wir finden, am besten gemeinsam.“
Die Würze in der Literatur, in den großen Geschichten, seien die Freunde und Wegbegleiter. Aber auch der Umgang mit Fehlern und Irrtümern spiele eine wichtige Rolle.

Anschließend stellte Christian Stasch den Literaturexperten und geborenen Lübecker Daniel Kaiser vor. Ein Frage-Antwort-Spiel gab noch mal einen persönlicheren Einblick zu dem Journalisten: Altbau oder Neubau? Weihnachten oder Ostern? Popcorn süß oder salzig? Bach oder Beatles?

Trügerische Nostalgie
In einer kurzweiligen Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Stimmung schilderte Daniel Kaiser seinen Eindruck, dass der Spruch „Alles soll so bleiben, wie es ist“ die gegenwärtige Tendenz sei. „Gegenwart ist doch super. Das ist ein sympathisches Gefühl. Es wird gerade verstärkt: Postkartenansichten aus den 70er Jahren werden in das Facebook-Postfach gespielt. Dazu das Schlechtreden der Gegenwart in den Kommentaren.“ Er verwies auf den Buchtitel von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“ 
„Social Media: Geht nicht wieder weg. Globalisierung: Geht nicht wieder weg. Die entscheidende Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wir müssen uns bewegen, nicht wie ein Reh im Lichtkegel eines Scheinwerfers stehen bleiben“, findet Daniel Kaiser.
Auch neue digitale Möglichkeiten und die anfängliche Gemeinschaftsstimmung, die in der  Coronazeit geschaffen wurden – Kaiser sprach vom „Corona wakeup call“ – seien nicht mehr da, sondern vielfach wieder verklungen.  

„Und die Kirchen?“, fragte Superintendent Christian Stasch: „Als Kirche sind wir kein Startup, sondern werden von außen eher mit Traditionen assoziiert“. Daniel Kaiser entgegnete, Kirche stünde für Sesshaftigkeit und Solidarität, sie habe es auch schwer gegen das Klischee anzukämpfen. Aber in der Bibel gäbe es viel mehr Geschichten des Umzugs und Aufbruchs: Abraham, Mose und das Volk Israel, Jesus und Paulus seien immer unterwegs gewesen. Aus diesen Geschichten werde klar, dass es für Transformationen oft zwei Generationen lang brauche. Er stellt auch fest: „Die Angst vor Substanzverlust ist bei Kirche da, aber ich sehe das nicht. Man muss auch mal was wagen, die Themen der Menschen aufspüren. Wo könnte es ein Programm geben, eine Sprache, eine Plattform, um mal ein Experiment zu machen?“ 

Der Zukunft mit Zuversicht begegnen
Humorvoll warb Daniel Kaiser für einen positiven Blick auf Veränderungen, allgemein und auch persönlich: Trotz anfänglicher Eingewöhnungsschwierigkeiten nach dem Umzug seines Büros nach Lokstedt konnte er dem Ganzen auch wieder Gutes abgewinnen: „Elephanten-Dung kann auch sexy riechen“, sagte er mit Referenz an den nahegelegenen Zoo. Für ihn steht fest: "Hauptsache es bleibt nicht alles wie es ist." 
Ein Blick in die Vergangenheit zeige auch viele Dinge, die geklappt hätten, so der NDR-Journalist. „Wir haben einen Grund für Zuversicht. Ich glaube, die Zukunft ist kein schlechter Ort.“ 
Nach dem unterhaltsamen Austausch überraschte Daniel Kaiser die Gäste mit einem Querflötenspiel gemeinsam mit Kirchenmusikdirektor Dr. Ulf Wellner am Klavier und blieb auch noch beim anschließenden Fest bei Popcorn und Getränken im Freien.

Rückblick 2023: Klimaschutz und -gerechtigkeit mit Dr. Roda Verheyen

Beim Sommerempfang des Ev.-luth. Kirchenkreises Lüneburg Ende Juni ging es um Klimaschutzziele, Gerechtigkeit und Ermutigung. Prominenter Gast war Dr. Roda Verheyen, Rechtsanwältin und ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Hamburg.Der Empfang wurde auf Video aufgezeichnet und ist somit auch nachträglich zu sehen:

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Beginn: Mit Musik des Kammerchores ab 9:34 Minuten

Kammerchor St. Michaelis: Look at the world (John Rutter), Leitung Henning Voss
Begrüßung: Detlev Saffran, Vorsitzender der Kirchenkreissynode
Geistlicher Impuls, Superintendent Christian Cordes
Gemeinsames Lied: Nun steht in Laub und Blüte (Detlev Block)
Vorstellung Referentin: Leitende Superintendentin Christine Schmid
Impulsreferat: Dr. Roda Verheyen, „Wir alle haben ein Recht auf Zukunft. Eine Ermutigung." (ab 31:33 Min)
Kammerchor: Kein schöner Land (Wilhelm von Zuccalmaglio)
Gespräch & Fragen: Dr. Roda Verheyen/Christine Schmid/Publikum
Kammerchor: Nun sich der Tag geendet hat (Adam Krieger)
Dank und Einladung zum Ausklang: Christine Schmid
Kammerchor: The peace of God (John Rutter)

Informationen zu Dr. Roda Verheyen:

Dr. Roda Verheyen, geboren 1972, ist Rechtsanwältin und (ehrenamtliche) Richterin am Hamburgischen Verfassungsgericht. Sie berät u.a. namhafte Umweltorganisationen wie Greenpeace e.V. und Germanwatch e.V., die auch Klimaklagen unterstützen, aber auch Landwirte und Einzelpersonen. Sie war Mitglied der deutschen Delegation zur Klimarahmenkonvention, ist Gründerin und Vorstandsmitglied von Green Legal Impact Germany e.V. und kämpft seit Jahrzehnten für mehr Klimaschutz.

2021 hatte sie mit ihrer Klimaklage vor dem Bundesverfassungsgericht einen historischen Erfolg erzielt: Demnach muss die Politik weit mehr tun, damit die Klimaziele erreicht und CO2 Emissionen nicht zu Lasten der jungen Generation auf die lange Bank geschoben werden.
Dr. Roda Verheyn ist verheiratet und hat drei Kinder.
Im März erschien ihr neues Buch: "Wir alle haben ein Recht auf Zukunft: Eine Ermutigung | Klimaschutz ist Menschenrecht – ein Weckruf von Deutschlands bekanntester Klimaanwältin von Dr. Roda Verheyen (Autor), Alexandra Endres (Autor).