Freiraum Nicolai: "Barfuss"
Fotos: C. Cordes (l.), B. Neß
Flagge zeigen: Jegliche Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Identität hat in unserer Kirche und bei Gott keinen Platz! Ev. Jugend und Ev.-luth. Kirchenkreis Lüneburg
Konfirmandenzeit, Fotos: epd, Kevin Schmid, Jens Schulze
Konfirmationszeit im Ev.-luth. Kirchenkreis Lüneburg
Jahreslosung 2021

Gemeinsam mit anderen Furchen ziehen: der neue Regionalbischof Dr. Stephan Schaede

Nachricht Lüneburg, 19. Juli 2021

Abschied und Neubeginn im Amt des Lüneburger Regionalbischofs: „Mit Dir kommt als Regionalbischof ein Grenzgänger in diese Aufgabe.“ Das sagte Landesbischof Ralf Meister zur Amtseinführung von Dr. Stephan Schaede in der Lüneburger St. Johanniskirche.
Das Leben des bisherigen Direktors der Evangelischen Akademie Loccum sei durchzogen von Grenz-Überschneidungen, Weltoffenheit und vielfältigen Leidenschaften. „Multiprofessionalität, Interdisziplinarität waren dir vertraut bevor sie zu fast heiligen Zielbegriffen innerhalb unserer Kirche wurden“, würdigte der Landesbischof den weiten Horizont des neuen leitenden Geistlichen für den Sprengel Lüneburg. Der 57-Jährige wurde anschließend unter Gebet und Segen feierlich in sein Amt eingeführt.

„Ich möchte gemeinsam mit anderen Furchen ziehen“, sagte Schaede in seiner Predigt und präsentierte seine umfangreiche Agenda: Er wolle sich mit dem Lastenfahrrad auf den Weg machen, Menschen ansprechen, zuhören, für Kirche begeistern, Blockaden lösen, Umständliches leichtgängig machen.  „Mobilitätstransformation in Wolfsburg, Zwischenlagermurks im Wendland, die Sicherheitspolitik in Munster“, ließ Schaede sein Interesse an gesamtgesellschaftlichen Themen erkennen. Der neue leitende Geistliche wünscht sich zudem „mehr Theater in der Kirche, mehr Kirche im Theater, Musikexperimente, digitale Gottesdienstmodule, die die junge Generation ansprechen“. Gott als großes Versprechen der Menschheit stark zu machen und auch Leute, die mit der Kirche fremdeln, neugierig werden zu lassen, skizzierte der Prediger weitere Visionen und fragte: „Was ist die entscheidende Energie für uns persönlich, für die Kirche, für unser Land? Wenn es eine Energie gibt, dann quillt sie aus der Sache selbst hervor - sie bringt uns selbst ins Spiel, schafft Raum und brennt sich in uns ein“, predigte Schaede.

Schaede übernahm das Amt des Regionalbischofs im Juli von Dieter Rathing. Der wurde von Landesbischof Meister offiziell entpflichtet. „Die Herzen der Menschen zu erreichen: Das war und ist ein wunderbares Charisma, das du hast“, würdigte Meister den Regionalbischof im Ruhestand. Das rechte Wort zur rechten Zeit zu sagen, sei eine seiner Gaben. „Nicht wer viel, sondern wer von der Guten Botschaft redet, verbringt seinen Auftrag als Pastor zur Ehre Gottes“, dankte der Landesbischof Dieter Rathing für seinen Dienst.

Mit persönlichen Worten wandte sich Rathing, dessen Ehefrau Heidi Anfang des Jahres verstorben war, anschließend an die Gemeinde: „Ich habe nicht gewusst, was über Fakultäten und Hierarchien, über Ehren- und Hauptamt, über Professionen und kirchliche Grenzen hinweg an für mich bestimmter Zuwendungskraft möglich ist“, dankte Rathing für Trost in den vergangenen Monaten. „Wenn ich in dem immer zu gewaltigen kirchlichen Auftrag nicht verzagt bin, dann war es das Vertrauen, das mir Menschen entgegengebracht haben.“ Rathing stand seit 2011 an der Spitze des Sprengels.

Der Sprengel Lüneburg ist einer von sechs Kirchenbezirken der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Dazu gehören zehn Kirchenkreise im nordöstlichen Niedersachsen mit insgesamt rund 500.000 Kirchenmitgliedern in 225 Gemeinden.

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Stephan Schaede ist der neue Regionalbischof für den Sprengel Lüneburg. Der promovierte Theologe und bisherige Direktor der Evangelischen Akademie Loccum trat im Juli die Nachfolge von Dieter Rathing an, der in den Ruhestand ging. Mit Antworten auf Fragen von Hartmut Merten stellt er sich vor.

Erzählen Sie uns ein paar Highlights aus Ihrem bisherigen Leben?
Jeder Tag ist ein Highlight für mich. Dafür sorgt meine Familie. Die vielen Begegnungen während meiner Studienzeit in Rom waren Highlights. Wie sich im Herbst 1989 mit dem Mauerfall die Straßen von Göttingen mit Trabis füllten. Wenn ich an meine Zeit als Gemeindepastor denke: Während wir „Vom Himmel hoch sangen“ schwebte Weihnachten 2003 in Silberborn im Solling ein Gemeindemitglied als Engel auf einer Seilbahn von der Empore herab. Ein Handwerkerteam hatte ihr diesen Kindheitstraum spontan erfüllt. Von den beeindruckenden Begegnungen in Loccum nur dies: die Begegnung mit Syrern und vor allem jungen Syrerinnen, die für die Freiheitsrechte ihres Landes ihr Leben riskieren.

Nun sind Sie Regionalbischof. Wie verstehen Sie dieses Amt, worin sehen Sie Ihre Aufgabe?
Ein Bischof solle nüchtern, besonnen, respektvoll, gastfrei, geschickt im Lehren, gütig, nicht streitsüchtig und erfahren in Glaubensfragen sein. So sieht es die Bibel (1. Timotheus 3). Das ist ein sehr hoher Anspruch, so nicht erreichbar. Aber er führt mir vor Augen, worauf es für mich im Großen und Ganzen Tag für Tag ankommt. Ich bin neugierig auf die Menschen, auf ihre Ideen, Sorgen, Überzeugungen und Vorstellungen – gerade jetzt in der Krise und im kirchlichen Reformstress. Ich freue mich darauf, auch öffentlich über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen.

Was ist für Sie heutzutage der wichtigste Beitrag der Kirche für die Gesellschaft, der Kirchengemeinden vor Ort für das Gemeinwesen?
Mein Großvater war in der Bekennenden Kirche. Dort konnte er frei sagen, was er dachte, was ihm am nationalsozialistischen Regime unerträglich und abgründig erschien. Er fand dort eine Insel des Vertrauens, Mitstreiterinnen und Mitstreiter, mit denen er gemeinsam eine ganz andere Perspektive auf die unerträgliche gesellschaftliche Lage entwickeln konnte. Die Bekennende Kirche gab ihm den langen Atem, sich für eine andere gesellschaftliche Situation einzusetzen. Mit allen Zweifeln, die ihn umtrieben. Und der inneren Gewissheit, dass Gott, nicht Hitler das letzte Wort hat. Das beeindruckt mich nach wie vor. Die Kirche ist ein Ort, an dem in aller Freiheit nach Wahrheit gesucht, Unrecht beim Namen genannt und gemeinsam Hoffnung auf lebensbejahende Veränderung gefasst werden kann. Überhaupt: Kirchengemeinden und kirchliche Orte können mit ihren Angeboten Foren des lebendigen Austauschs im Quartier bieten. Für wen und was trete ich ein, wofür engagiere ich mich und was hoffe ich?

Ihre Lieblingsbotschaft der Bibel?
Bitte nageln Sie mich nicht fest. Die Bibel ist immer wieder für eine Überraschung gut. Im Moment treibt mich der 8. Psalm um: „Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst?“

 

Sehen Sie hier einen 15-minütigen Zusammenschnitt aus Anlass der Verabschiedung von Dieter Rathing und der Einführung seines Nachfolgers Dr. Stephan Schaede.