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Bauingenieurin wird Pastorin - Regionalbischof wirbt für den Quereinstieg ins Pfarramt

Nachricht Lüneburg, 14. Februar 2022

Anfang des Jahres vermeldeten die Medien deutschlandweit eine bevorstehende Ruhestandswelle bei den Pastorinnen und Pastoren. Der Bedarf an Geistlichen könne durch den Nachwuchs nicht gedeckt werden. Auch die hannoversche Landeskirche ist von dem Problem betroffen: Sie beschäftigt derzeit rund 1650 Pastor:innen – nicht alle in Vollzeit. Für 2030 geht man von gut 1200 Geistlichen aus, im Jahr 2040 nur noch von 1000. Jährlich schieden zuletzt 70 in den Ruhestand aus, nur etwa 40 rückten nach. „Die Lücke wird größer“, heißt es im Landeskirchenamt.

Qureinstieg möglich
Durch den Lüneburger Regionalbischof Dr. Stephan Schaede werden in diesen Wochen vier Theolog:innen in den Pfarrdienst ordiniert. Insgesamt fällt auf: Die Berufsbiografien der angehenden Pastorinnen und Pastoren werden bunter und vielfältiger. Ein Beispiel ist Ulrike Meyer: Die studierte Bau-Ingenieurin wird am 5. März als 53-Jährige Theologin in Hanstedt (Kirchenkreis Winsen/Luhe) zur Pastorin ordiniert.

„Professionelle Durchlüftung“: Bau-Ingenieurin Ulrike Meyer wird Pastorin
Regionalbischof wirbt für mehr Quereinstiege

Ihre Berufsausbildung begann mit einer Lehre als Bauzeichnerin. Anschließend studierte Ulrike Meyer an der renommierten Bauhaus-Universität in Weimar Bauingenieurwesen. Mehr als 20 Jahre lang war sie als Tragwerksplanerin tätig. Jetzt wechselt sie aus der Welt der Zahlen in den Dienst der Kirche. Am 5. März wird die 53-Jährige ins Pfarramt ordiniert und künftig in der St. Jakobi-Kirchengemeinde Hanstedt (Kirchenkreis Winsen/Luhe) als Pastorin arbeiten.

Ulrike Meyer wurde 1968 in Ost-Berlin geboren. Geprägt durch ihre christliche Familie nahm sie an der Christenlehre und am Konfirmandenunterricht teil. „Wenn man als Jugendlicher offen kirchlich war, kamen bestimmte Berufe nicht mehr infrage“, erinnert Meyer an die Verhältnisse im real existierenden Sozialismus der DDR. So blieb ihr ein Soziologie-, Politologie- oder Geschichtsstudium verwehrt.

Stattdessen folgte das Mathe-Talent dem Beispiel der Eltern, die beide Architekten waren, und ging zum Studium nach Weimar. Dort wählte Meyer den Schwerpunkt konstruktiver Ingenieurbau. Als Diplom-Ingenieurin zog sie 1993 nach Hamburg. Mehrere Jahre lang war sie dort in einem großen Ingenieurbüro tätig, brachte zwei Kinder zur Welt, machte sich 2005 selbständig und ließ sich nebenher in den Kirchenvorstand ihrer Kirchengemeinde wählen.

Durch den Kontakt zum Pastor, der nebenher an der Universität Hamburg unterrichtete, erwachte ihr Interesse an der Theologie. „Ich wollte unbedingt ein bisschen mehr nachdenken, nicht nur Zahlen runterrattern“, erläutert sie ihr Anliegen. Zudem engagierte sie sich in der kirchlichen Flüchtlingsarbeit und im interreligiösen Dialog. Erfahrungen, die ihren Wunsch nach einem Theologiestudium verstärkten.

Parallel pflegte Ulrike Meyer eine weitere Begabung. Schon als Kind hatte sie viel gesungen. Auch ihr Rausschmiss aus dem DDR-Sing-Club „Roter Oktober“ in Folge pazifistischer Äußerungen, so der Vorwurf, konnte ihr die Freude an der Musik nicht nehmen. Als 40-Jährige nahm sie ein privates Gesangsstudium bei Professoren der Musikhochschule Hamburg auf. Danach war Ulrike Meyer vielfach als Solo-Sopranistin unterwegs, unter anderem in den Hamburger Hauptkirchen St. Jacobi und St. Michaelis. Konzertreisen führten sie nach Italien und Frankreich. „Am meisten singe ich Bach“, gibt sie Einblick in ihr Repertoire. „Aber meine Liebe gilt Mendelssohn und Haydn.“

2016 bekam Ulrike Meyer die Zusage für den berufsbegleitenden Master-Studiengang Evangelische Theologie. Das Angebot der Philipps-Universität Marburg ermöglicht einen Quereinstieg in den Pfarrberuf. Es sei „hammerhart“ gewesen da heranzukommen, erinnert sie sich an die Aufnahmeprüfung und das große Bewerberfeld für gerade mal 28 Studienplätze. Das Studium selbst empfand sie als „hoch wissenschaftlich“, die vergleichsweise kurze Studiendauer von drei Jahren als „Druckbetankung“. Und dennoch: „Das Theologiestudium war einfach wunderbar und beglückend für mich“, resümiert Meyer.

Auf das Examen 2019 folgte das Vikariat, die praktische Ausbildung am Predigerseminar Loccum und in der Kirchengemeinde Rosengarten/ Nenndorf im Kirchenkreis Hittfeld. Für andere da zu sein, miteinander zu leben und die frohe Botschaft unter die Menschen zu bringen, das ist ihr in ihrem neuen Beruf wichtig. „Im Vikariat habe ich gemerkt, dass ich das wirklich kann“, macht Ulrike Meyer sich selbst Mut. Denn sie hat auch gehörig Respekt vor den Aufgaben einer Pastorin.

Dass die Kirche mit sinkenden Mitgliederzahlen, schrumpfenden Finanzen und einem Bedeutungsverlust in der Gesellschaft zu kämpfen hat, schreckt sie nicht. „Da ich aus der DDR komme, sind für mich geringe Zahlen kein Problem.“ Überhaupt sollte die Institution Kirche nicht so ängstlich sein, findet sie. Wo immer Menschen zusammenkommen, könne sich eine Gottesbegegnung ereignen. Schließlich bleibe die Aufgabe der Kirche unabhängig von den Zahlen bestehen: der Welt das Evangelium weiterzusagen.

Wenn Regionalbischof Dr. Stephan Schaede die Theologin unter Gebet und Segen in den Pfarrdienst beruft, wird er ihr einen Vers aus den Psalmen mitgeben: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ein Leitwort, das Ulrike Meyer sich ausgesucht hat. Der weite Raum gefällt ihr. Zumal sie sich manchmal selbst darüber wundert, mit 53 Jahren noch Pastorin zu werden. „Aber ich krieg das schon hin“, ist sie gewiss.

Meyer bereichere die Kirche mit ihrer beeindruckenden Berufsbiografie als starke Kollegin, freut sich Regionalbischof Schaede und verspricht: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Möglichkeit für Quereinstiege mehr und deutlich ebenere kluge Pfade in unsere Kirche gebahnt werden.“ Und das nicht nur im Blick auf den sich anbahnenden Personalmangel. „Durch Kolleginnen wie Ulrike Meyer kommt es zu einer professionellen Durchlüftung des Berufsstandes, der der Kirche unbedingt guttut.“

(Text: Hartmut Merten)